#WirSindMehr als Gegensatz zum „Wir sind das Volk“?!

Wenn die gesellschaftliche Spaltung einer sprachlichen Verkörperung bedurft hätte, dann ließe sie sich in der vermeintlichen „Volks-Werdung“ einer lauten Minderheit und der sich (nach langem, lautem Schweigen) auf ihre quantitative Stärke berufenden Mehrheit finden.

Während die eine ihre Rolle „im Volk“ überbeanspruchen, antworten die anderen darauf mit wortgewordener Majoritätsmathematik.
In beiden Wortgruppierungen fehlt es (wenn man die historische Komponente einer friedlich gewendeten Volksbehauptung einmal bewusst ignoriert) an Substanz:
hier will jemand seinen/ihren Status „im Volk“ behaupten, dort sich jemand als „eigentliche Mehrheit“ zu erkennen geben.

Was macht „das Volk“ aus – über die konstituitive Bedeutung als Staatssouverän hinaus?
Worauf beruft sich „die Mehrheit“ – außer auf ihr zahlenmäßiges Übergewicht?

Für erstere wird ein reines „Mehr-Sein“ als Argument genauso viel wert sein, wie für letztere die „Volksanmaßung“. Beide Parolen zielen in dieser Form eher auf Abgrenzung denn auf ein erträgliches Zusammenleben. Die Differenz zeigt sich erst bei den nachrangigen Positionen.

Die sich gegenseitig in ihrem „Volk-Sein“ Versichernden sehen sich im legitimen „Widerstand“ gegen ein „System“ aus verachteten Parteien (inklusive der dem Vorwurf des Verrats ausgesetzten Politiker*innen), der Lüge bezichtigten Medien und der Beihilfe beschuldigten Nicht-Regierungs-Organisationen (inkl. der „Gutmenschen“, denen Schlechtes nachgesagt wird). Wer Teil ihres „Volkes“ sein darf, bestimmen nun sie – so entgehen sie der Gefahr, in einer anderen Defintion weniger Geltung zu erlangen.
Was (natürlich: richtig) sein soll, wird schlicht aus dem Gegensatz dessen, was (vermeintlich: falsch) ist, abgeleitet.
Auf die Bedrohung, der sie sich selbst permanent ausgesetzt sehen, folgt die Androhung, was sie mit denen zu tun gedenken, die zu anderen Einschätzungen und Lösungen kommen.

Die sich in ihrer Mehrheit Gefallenden werfen den anderen deren geschichtsvergessene Anmaßung, deren blindwütige Verweigerung gegenüber dem Faktischem, deren zur Schau gestelltem Rassismus, deren immer wieder eruptierendes Gewaltpotenzial und deren zahlenmäßig kaum zu bestreitende Minderheit vor. Um dann für Menschenrechte, Solidarität, Empathie und Zivilcourage zu werben – großen Begriffen, die im Alltag im Sinne von Selbstwirksamkeit gefüllt werden müssen, um eine echte Bedeutung für die Menschen zu haben.

Wenn die bundesdeutsche (ihrem Ideal nach: freiheitlich-demokratische) Gesellschaft aus so offenkundig spaltbarem Material besteht, ist die Frage, die dieser Beitrag aufwerfen will:

Schaffen wir Zusammenhalt durch eine Konfrontation von Minderheit und Mehrheit, durch eine Volkszu- und -abschreibung?

Wenn die einen die Versicherung brauchen, dass sie „auch das Volk sind“ – dann müssen sie sich mit dem Staatsvolk begnügen. Und darin ihre grundgesetzlich verbriefte Würde und Gleichheit vor dem Gesetz finden. Die Freiheit ihrer Meinung findet ihre Grenze dort, wo die Würde der Anderen beginnt.

Und wenn die anderen unbedingt „mehr“ sein wollen – dann doch am ehesten in Bezug auf Einsatz für die hochgehaltenen Werte. Solidarität zum Beispiel ist solange sperrig, bis sie tatsächlich gezeigt und damit spürbar wird. Umso mehr das erleben, umso klarer wird, wie gesellschaftliches Zusammenleben gelingen kann.

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