(Teil-)Jahrhundertschaften nach Weltkriegen & Mauerfall

Gaucks „schlafwandelnder Riesein bundesrepublikanisch-deutschen Farben begeht das 25. Jubiläum der friedlichen ostdeutschen Revolution im vom Merkel zum Seuchen-, Kriegs- und Terrorjahr“ erklärten 2014, Erinnerung an rasselnde Weltkriegsauftakte inklusive.

Das scheinbar schlafwandelnde, vermeintlich riesenhafte mitteleuropäische Bundestaatsgebilde ist im Grunde hellwach – und wahrhaft riesig scheinen derzeit vor allem seine von seinem bundespräsidialen Oberhaupt gehäuft aufgetretenen, besonders lautstark kommunizierten Ambitionen in Europa und der Welt. Wirtschaftsmächtig reiht es sich an vierter Stelle in ein Weltwirtschaftsranking ein – Exportweltmeistertitel werden in letzter Zeit knapp verfehlt; es stemmt mit einer immer wieder betonten, von der (dazu stilisierten) „Eurokrise“ gewohnt betont ungebrochenen Nettozahlungsmoral einen vorgeblich einheitlichen europäischen Wirtschafts- und Währungsraum, der in seinem ganz eigenen, zumindest ökonomischen Interesse war und ist; es exportiert mehr Waffen als jedes andere Land in diesemzu unserem Glück vereint[en]Europa und kann weltweit immerhin noch die wehrtechnische Bronzemedaille „verteidigen“. Was also ist solch einem ökonomisch-elitären „Leistungsträger“ angemessen?

Ich mag mir nicht vorstellen, dass Deutschland sich groß macht, um andere zu bevormunden. Aber ich mag mir genauso wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen.

Mit diesen Worten erteilt Gauck einem hypothetischen Rollenangebot als Großmacht der Bevormundung eine Absage – Kleinlichkeit will sich dieses Deutschland (als Binnen-, aber betonter Nicht-Inselstaat) aber auch nicht nachsagen lassen, wo doch Risiken drohen und Solidarität gefordert ist. Sich selbst bejahen müsse diese in „Jahrzehnten demokratischer Entwicklung“ quasi herangereifte „Nation“ zuallererst, meint der Bundespräsident derselben. Dann erst könne sie „das ihr Mögliche und ihr Zugewachsene [… tun], solidarisch im Inneren wie nach außen„. Und die Zukunftsaussichten versprächen weniger „Bedrohung“ als vielmehr „Chancen und Gewinn“.

Bröckelndes innerdeutsches, todesgestreiftes Grenzgemäuer sehen auch nur jene, die den Festungsbau zu Europa geflissentlich für überschau- und daher für offenbar auch übersehbar halten. Errichtet wurde und wird hier eine Festung, die das Mare Nostrum (übersetzt: „unser Meer“ – das „wir“ im Verhältnis zum „die“) mit Frontex-pertise gegen die südlichen wie östlichen Anrainerstaaten abschirmt und das „Massengrab Mittelmeer“ weiter füllt – Seenotrettung für Geflüchtete durch eine auf Flucht-Abwehrmaßnahmen spezialisierte EU-Agentur.

Statt einer (so wird verlautbart) von schlechter Ausrüstung ausgebremsten Truppe schickt dieser Staat seine „wehrtechnischen Erzeugnisse“ (welch ein Klang u.a. gegenüber „Kriegsgerät“!) aus der viel zitierten „deutschen Wertarbeit“ mit besten Grüßen an alles, was z.B. Emir- oder (eurozentristisch so genannte) Königs-Titel trägt. Der waffenstarrende Iron River bundesdeutschen Ursprungs fließt u.a. in diesbezüglich unterversorgt auftretende „Wüstenstaaten„, um deren scheinbar ausgedorrten Waffenleitungssysteme wieder aufzufrischen – so ganz ohne Waffenladungen: das hält ja auf Dauer auch kein bellizistischer Mensch aus!

100 Jahre Entzug von der Weltkriegseinstiegsdroge haben ganz offensichtlich nicht nur im Nachkriegs- (und hinter dem Eisernen Vorhang hervorgetretenen) bundesrepublikanischen Einheits-Deutschland Spuren hinterlassen: weltweite Waffen- und darauf folgende endgültige Urnengänge sowie Fluchtbewegungen ganzer Generationen werden nicht mehr angestrebt. Stattdessen profitieren ehemalige Kolonial- und verfeindete, zwischenzeitlich möglicherweise ebenfalls schlafwandelnde Weltkriegsmächte durch Waffenhandel von bewaffneten Konflikten außerhalb Europas und Nordamerikas.

Auch der geradezu beschworene „internationale Terrorismus“ von Al-Qaida und (aktuell im Fokus:) ISIL/ISIS/IS greift auf Waffenbestände und finanzielle Unterstützungen zurück, die nicht zuletzt auch aus jenen Ländern bzw. von deren Geheimdiensten stammen, die seit 2001 den „Krieg gegen den Terror“ anführen. Flucht, Vertreibung und Tod sind auch 100 Jahre nach dem Beginn des 1. und 75 Jahre nach dem Beginn des 2. Krieges weltweiter Zuschreibung alltägliche Erfahrung auf dieser Welt, deren „Sicherheitsrat“ in seiner derzeitigen Form offenkundig vor allem geopolitische Interessensphären absichert. Und worin die „Nationen“ dieser Welt auch immer vereint sein sollen – im Frieden jedenfalls nicht.

Mit dem Ukraine-Ost-West-Konflikt rückt bewaffnete Konfliktführung nach 1999 erstmals wieder auf damalige Jugoslawien-Reichweite an heran. Die NATO rüstet sich vor diesem Hintergrund nicht nur verbal – einer neuerliche Aufrüstung stehen offenbar nur noch SIPRI-Fakten entgegen: von den 1,747 Billionen US-Dollar im Jahr 2013 gaben Staaten in Europa zusammen 410 Mrd. Dollar für Rüstung aus, 640 Mrd. häufte die USA an – Russland kommt demgegenüber auf 88 Mrd. Vermutlich fehlt es also nicht an „Rüstungsgütern“, die auch nicht ernsthaft in einer militärischen Offen- oder Defensive rund um die Ukraine zum Einsatz kommen werden.

Die „Quellen des guten Lebens„, die Merkel dem Wortlaut ihrer Regierungserklärung vom 29.01.2014 zufolge im Flussbett „bestmögliche[r] Chancen“ ausdrücklich „allen zugänglich [zu] machen“ ankündigte (zumindest allen „in Deutschland und Europa“), sollen wohl auch weiterhin über ein spezielles, aggressives, neoliberal-spätkapitalistisches Werte-Fracking erschlossen werden. 25 Jahre nach dem Mauer- und damit auch dem tiefen Fall eines diktatorisch realisierten Sozialismus wird dieses „gute Leben“ im siegreich aus dem Wettstreit der Systeme hervorgegangenen  Kapitalismus auf eifrig überwachtes Konsumverhalten reduziert dahinplätschern, bis es seine eigene Sinnlosigkeit in dieser ihr zugewiesenen Form realisiert und gemeinschaftlich neu definiert wird oder aber an seine natürlichen Grenzen stößt.

Arbeiten wir auf erstere Option hin – das Jahr der (Teil-)Jahrhundertschaften ist doch ein angemessener Zeitpunkt für Widerstand und Wandel!

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