twitter2them: Wenn der Hahn von der Eiche aus über den Bambus kräht

Sah ein Hahn einen Rösler stehn…

Diese eigentümliche Variation des Heidenröslein-Motivs von (wahlweise) Herder, Schubert oder Goethe soll einen Vorgeschmack auf das geben, was ein hessischer Minister für Justiz, für Integration und Europa, der einer an der Regierungskoaltion beteiligten Partei angehört, zum Debattenthema erheben wollte.

In der Frankfurter Neuen Presse war am 06.02.2013  in einem Interview folgender Auszug zu lesen (hier soll bewusst nichts „aus dem Zusammenhang gerissen“ werden):

Wie soll die Zugkraft der Partei aber entstehen, wenn es mit Brüderle als Spitzenkandidaten und Rösler als Vorsitzenden zwei Personen gibt, die sich nicht sonderlich verstehen?

 

HAHN: Indem sie sich zusammenraufen und das gemeinsam machen.

 

Ist die Debatte um Rösler also beendet?

 

HAHN: Ja. Wir werden sicherlich noch eine kleine Personaldebatte bekommen über die Frage der Besetzung des FDP-Präsidiums auf Bundesebene auf dem Sonderparteitag Anfang März. Also, ob Herr Niebel und Herr Kubicki etwa nochmal eine Rolle spielen. Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Ein schlichtes Ja, welches eine Debatte für beendet hätte erklären könnte, wird gefolgt von einem offenbar drängenden Wissensbedürfnis:

ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren

Die Reaktionen aus Politik und der Zeitungslandschaft folgten umgehend und rotieren zumeist um Rassismus-Vorwürfe (ein paar Beispiele):

taz: „Rassismus-Vorwurf gegen FDP-Mann“

ZEIT Online: „Rassismus-Vorwürfe gegen FDP-Landeschef Hahn“

RP Online: „Hahn thematisiert Röslers vietnamesische Herkunft“

Tagesspiegel: „Hessens FDP-Chef stellt Röslers Akzeptanz als Vizekanzler in Frage“

Süddeutsche: „Ein Satz wie ein Hammerschlag“

Spiegel Online:  „Rassismus-Vorwurf: FDP-Mann Hahn empört mit Äußerungen zu Röslers Herkunft“

Die Frankfurter Neue Presse spricht in ihrer Aktualisierung des Interview-Artikels am 07.02.2013 von

eine[r] missverständliche[n] Bemerkung über Parteichef Phillipp Rösler

die „eine wilde Debatte aus[gelöst]“ hätte.

Seinen Twitter-Account nutzte Herr Hahn, um Stellung zu den Reaktionen zu nehmen – und SolidarBlog wies ihn in drei Stufen (von oben nach unten) auf die Implikationen seines Satzes hin:

Und mit dem letzten Tweet macht SolidarBlog darauf aufmerksam, dass Jörg-Uwe Hahn, der mit seinem Satz angeblich nur „darauf hinweisen wolle[…], dass es in unserer Gesellschaft einen weit verbreiteten, oft unterschwelligen Rassismus gibt[…, den] man nicht totschweigen, sondern […] offen ansprechen[… müsse], um [… ihn] zu bekämpfen“, gleich in seiner FDP mit eben dieser offenen Ansprache als Mittel der Bekämpfung von Rassismus beginnen kann:

Denn nicht er brachte Rösler und seine vietnamesische Herkunft erstmals derartig ins Gespräch, sondern sein – vor Kurzem anderweitig in die Kritik geratener – FDP-Kollege und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013 Rainer Brüderle.

Der war es, der Mitte Mai 2012 auf dem hessischen Landesparteitag (und damit im Bundesland, in dem Herr Hahn Landesvorsitzender der FDP ist) verlauten ließ:

Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche

Und im Nachsatz befindet er, dass aus diesem Grund

die Eiche hier heimisch [sei] und nicht das Bambusrohr

Mit dem „Bambus“, dem Brüderle hier in rassistischer Manier die heimische Eiche entgegenstellt, hatte sich Phillipp Rösler bei seinem Amtsantritt als Parteichef im Mai 2011 selbst in die Botanik begeben:

Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm, aber er bricht nicht.

Die Lübecker Nachrichten (LN) Online ziehen diesen Bogen bis in den Mai 2011 ebenfalls – und ordnen die Äußerung des GRÜNEN-Politikers Al-Wazir

Könnte es sein, dass ein Teil des Akzeptanzproblems von Philipp Rösler in der FDP auch seine vietnamesische Herkunft ist?

dem zu.

Der Hahn kräht nach der Herkuft von Rösler und setzt sich damit oben auf die in der FDP heimische Brüderle-Eiche.

Wer in meine Äußerung etwas anderes als dies hineinliest, versteht mich falsch.

Wer solche Äußerungen zu einem solchen Zeitpunkt in einem fast schon abgeschlossenen Interview trifft, macht ein „Hineinlesen“ anspruchslos und riskiert es, falsch verstanden zu werden.

Was bleibt, ist die Frage: Ob der Hahn nach dieser Art Debatte gekräht hat?!

Update vom 08.02.2013:

Jörg-Uwe Hahn ist über jeden Verdacht des Rassismus erhaben. […] Ich verstehe die Aufregung über die vielfach kritisierte Interview-Äußerung von Jörg-Uwe Hahn vom Donnerstag nicht.

Mit diesen Worten schaltet sich Rösler selbst in die von Hahn so wenig zielführend angestoßene Debatte um seine Herkunft und deren Akzeptanz in der Bevölkerung ein.

Parteikollege Wolfgang Kubicki aus Schleswig-Holstein schätzt die Aussagen, die für die (für Rösler so unverständliche) Aufregung gesorgt hatten, als „zugegebenermaßen missverständlich“ ein. Eine lange und gute Bekanntschaft zwischen den beiden gäbe ihm aber die Gewissheit, „dass er keine rassistischen Äußerungen tätigen wollte“.

Auch Lasse Becker, Vorsitzender der Jungen Liberalen (JuLis), wird von der Passauer Neuen Presse mit den Worten zitiert:

Die Wortwahl war offensichtlich missverständlich. Es ist aber notwendig, diese Debatte zu führen.

Das eigentliche Anliegen Hahns sei ein – auch von Becker im Straßenwahlkampf nicht selten beobachtetes – Rassismus-Problem im Umgang mit Herrn Rösler:

Ich bekomme am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone zu hören: Ich würde Euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg.

Wenn Herr Hahn ein solches entweder gleich in einem dahingehend nachvollziehbaren Zusammmenhang und dann deutlich besser formuliert in das von ihm gegebene Interview einfließen lassen oder aber anschließend umgehend richtig gestellt hätte, wäre weniger Aufregung entstanden… die Herr Rösler dann auch nicht verstehen müsste.

Brüderles rassistisches Botanik-Lehrstück aus dem letzten Jahr kann als Ausdruck eines „in unserer Gesellschaft […und damit auch in Teilen der FDP und ihrer Wähler] weit verbreiteten, oft unterschwelligen Rassismus“ (Hahn), der offenaber eben auch situativ passend und unmissverständlich formuliertangesprochen und in der Konsequenz dann auch bekämpft werden muss, verstanden und hier als solches festgehalten werden.

Solidarität mit allen Betroffenen von Rassismus ist gefragt – nicht nur dann, wenn es ein in Vietnam geborenes (mittlerweile erwachsenes und durch seine politische Position in der Öffentlichkeit stehendes) Kind ist, welchem eine Adoption durch ein deutsches Ehepaar vergönnt war. Punkt.

/// Medienverweise:

  1. Passauer Neue Presse: „Rösler stellt sich in Rassismusdebatte hinter Hahn“ (08.02.2013)
  2. heute.de: „Rösler stellt sich inRassismusdebatte vor Hahn“ (08.02.2013)
  3. Süddeutsche: „Rassismus-Debatte: Rösler stellt sich hinter Hahn“ (08.02.2013)
  4. Süddeutsche: „Phillipp Rösler und seine Herkunft: Ein Satz wie ein Hammerschlag(07.02.2013)
  5. taz.de: „Rassismus-Vorwurf gegen FDP-Mann“ (07.02.2013)
  6. Zeit: „Rassismus-Vorwürfe gegen FDP-Landeschef Hahn“ (07.02.2013)
  7. Rheinische Post: „Hahn thematisiert Röslers vietnamesische Herkunft“ (07.02.2013)
  8. Tagesspiegel: „Wegen asiatischen Aussehens: Hessens FDP-Chef stellt Röslers Akzeptanz als Vizekanzler in Frage“ (07.02.2013)
  9. Lübecker Nachrichten: „Hessens FDP-Chef stellt Akzeptanz Röslers Vizekanzler infrage“ (07.02.2013)
  10. Spiegel Online: „Rassismus-Vorwurf: FDP-Mann Hahn empört mit Äußerungen zu Röslers Herkunft“ (07.02.2013)
  11. Twitter (@solidarblog): Tweet 3 (als Reply an @joerguwehahn, 07.02.2013)
  12. Twitter (@solidarblog): Tweet 2 (als Reply an @joerguwehahn, 07.02.2013)
  13. Twitter (@solidarblog): Tweet 1 (als Reply an @joerguwehahn, 07.02.2013)
  14. Frankfurter Neue Presse: „Aufregung um Hahn-Interview in der FNP“ (aktualisierter Artikel, Seite 1, 07.02.2013)
  15. Twitter (@joerguwehahn): Tweet (07.02.2013)
  16. Frankfurter Neue Presse: „Aufregung um Hahn-Interview in der FNP“ (Seite 3 mit entsprechendem Satz, ursprünglich: 06.02.2013)
  17. tagesschau.de: „‚Stern‘ berichtet über angebliche Zudringlichkeiten: Debatte über Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle
  18. Süddeutsche: „FDP nach der NRW-Wahl: Röslers Bambus versus Brüderles Eiche“ (15.05.2012)
  19. derwesten.de: „Brüderle fordert von seiner Partei Standhaftigkeit“ (12.05.2012)
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